Die 6 Hauptgründe, warum wir Essen wegwerfen (müssen)!

Die 6 Hauptgründe, warum wir Essen wegwerfen (müssen)!

Published by admin on

Lebensmittel sammeln mussten Menschen bereits in rauer Vorzeit. Es ging ums nackte Überleben, um den Fortbestand der Rasse. Essen wegzuwerfen war keine Option. Auch heute gibt es noch das Phänomen, dass Menschen Vorräte schaffen, ja sogar krankhaft horten. Die Gründe dafür kennen wir dank der Psychologie ganz gut.

Essen wegwerfen – das umgekehrte Sammeln

Für das exzessive Essenwegwerfen als anderes Extremum, gibt es anscheinend im Moment (noch) keinen Forschungsbedarf. Die Anzahl der Erklärungen zur Psychologie des Wegschmeißens fällt eher mager aus. Durchaus verständlich, denn das Wegwerfen stellt selten ein Risiko für die seelische Gesundheit dar. Für die Umwelt im Hinblick auf die Lebensmittel ist es jedoch eine erhebliche Belastung. Grund genug für einen Versuch, den Verhaltensmechanismus zu verstehen, der den Menschen dazu bewegt, Dinge zu entsorgen.

Obst, Gemüse, Essen im Überfluss.

Essen im Überfluss. So brauchen wir es?!

Wir nehmen also die gut bekannten Motive eines Sammlers und betrachten das Gegenteil. Diese Methodik wird dem wissenschaftlichen Anspruch auf Kausalität möglicherweise nicht gerecht. Trotzdem ermöglicht sie vielleicht, Rückschlüsse zu ziehen, die die (Um-)Welt etwas entlasten können.

6 persönlichkeitsbedingte Ursachen warum wir Essen wegschmeißen

Der Spruch „ich schmeiß mich weg“ bekommt eine völlig neue Bedeutung und emotionale Färbung, wenn er plötzlich im Bezug auf den Umgang mit Lebensmitteln Anwendung findet. Denn es ist tatsächlich ein Teil von uns, den wir wegschmeißen, so destruktiv es auch klingen mag. Es sind unser Geld, unsere Zeit und unsere Energie, die wir in den Einkauf investieren und dann ohne Verwendung vernichten.

Wie ist dieses ökonomisch völlig sinnfreie Handeln zu erklären?

1. Die Lust am Essen ist uns vergangen

Kann der Mensch eine emotionale Beziehung zu einem Risotto aufbauen? Ja, das kann er und er tut es auch. Menschen essen leidenschaftlich gerne und eine Mahlzeit weckt meistens Freude, Wohlgefühl, entspannt und stärkt das Gefühl der Geborgenheit. Es ist beinahe vergleichbar mit dem Erleben sexueller Lust.

Zu Anfang das ausgehungerte Sehnen nach dem Objekt der Begierde. Die Vorfreude bei der Zubereitung der Mahlzeit, wenn das Wasser einem im Munde zusammenläuft. Dann lustvolle Hineinbeißen, sich dem Genuss völlig dahinzugeben, bis am Ende ganzheitliche Erfüllung eintritt. Doch sobald das befriedigende Sättigungsgefühl einsetzt, der Hunger-Trieb abklingt, sind einem die eben noch äußerst attraktiven Essensbestandteile völlig egal. Unser emotionales Verhältnis zum Essen ist nicht intensiv und tief gehend genug, um Trennungsängste zu verursachen. Und so landet der Essensrest lieblos und entwertet oft im Müll. Was mit dem ungenutzten, überschüssigen (Essen-) Potenzial passiert, ist plötzlich Nebensache.

Nach dem Essen kommt der Abfall

Haben wir die Lust am Essen verloren?

Trotzdem verwunderlich, denn im Zeitalter florierender Kochshows und eines regelrechten Ernährungskultes könnte der Eindruck entstehen, dass Lebensmittel als ein durchaus wertgeschätztes Gut fungiert.

Scheinbar, denn es gibt trotzdem Menschen, die zum Geburtstag einen selbst gebackenen Kuchen ins Büro mitbringen. Wenn dann kurz vor Feierabend noch drei Stücke übrig sind, fragen sie dann, ob sie noch jemand essen wolle. Sonst landeten sie im Müll. Und sie meinen das völlig ernst. Nicht einmal die Tatsache, dass sie einen Tag davor mindestens eine Stunde in der Küche standen und etwas Leckeres hinbekamen, hinderte sie daran, diesen Kuchen ins Verderben zu stürzen, ohne dabei mit der Wimper zu zucken.

2. Gesteigerte Effizienz macht Menschen nicht automatisch nachhaltiger

Eine weit verbreitete Ansicht des Homo Oeconomicus lautet: Effizienz über alles. So klingt es naheliegend, den industriell perfekt durchgestylten Organisationsablauf von Zucht, Ernte, Transport und Verkauf für die Verschwendung unserer Lebensmittel verantwortlich zu machen. Dieser Ansatz ist tatsächlich nicht ganz abwegig, denn die destruktive Seite dieser Einstellung ist auch in den Haushalten erkennbar.

Das Erfolgsgeheimnis im Beruf, in der Familie und sogar in einem Hobbyverein liegt im richtigen Zeitmanagement. Entscheidungen müssen nun mal getroffen werden – und das möglichst zeitsparend. Der Homo Oeconomicus muss vorsortieren, was wichtig ist und was nicht. Dabei hat Ernährungsplanung oft schlechte Karten, denn es verspricht kein gutes Resultat, wenn man beim Greifen nach den Sternen nach unten in die Gemüseregale schauen muss. Die Grundbedürfnisse, zu denen die Befriedigung des Hungergefühls gehört, liegen in der Bedürfnispyramide nach Maslow ziemlich weit unten und die heutigen Konsumenten streben in erster Linie nach Selbstverwirklichung.

Überschusseinkauf

Erstmal einkaufen – über die Verwendung des Essens wird später nachgedacht.

Und ein Lebensmitteleinkauf gehört nun mal nicht dazu. Er ist eher ein unliebsamer Alltagsbegleiter. Deshalb steckt der effizienzgeleitete Mensch auch nicht übermäßig viel Zeit und Liebe in die Planung seines Einkaufs, sondern legt der Einfachheit halber lieber noch ein paar Schnäppchen oben drauf. Überschuss – bereits im Einkaufskorb.

Die Folge? Immer mehr Lebensmittelmüll.

3. Erfolg macht verschwenderisch

Die Verschwendung scheint mit dem Erfolg gekoppelt zu sein. Die Sprichwort: “Spare in der Zeit, dann hast du in der Not”, passt im Bezug auf die Lebensmittelverwertung wie die Faust aufs Auge. In Zeiten wirtschaftlicher Hochkonjunktur, kombiniert mit unbeschreiblich günstigen Lebensmitteln, kennen wir keine wirkliche Not mehr. In kargen Zeiten hält der Mensch alles zusammen, was er hat. Doch je erfolgreicher er wird, je mehr er sich leisten kann, desto verschwenderischer wird der Homo Oeconomicus auch. Er schmeißt weg, einfach um sich selbst zu beweisen, dass er es kann.

Abfall

Das Ende einer Einkaufsorgie

4. Der Wunsch nach Perfektion

Selbst der Perfektionismus treibt den hilflosen Verbraucher in die Arme der Lebensmittelverschwendung. Der Wunsch nach Vollkommenheit verführt den pragmatischen Idealisten angesichts der perfekt gebogenen Bananen und lustvoll glänzenden Äpfeln zum Erwerb von Mengen, die den tatsächlichen Bedarf weit übersteigen. Sobald diese jedoch zu schrumpfen beginnen, erwacht der Lebensmittel-Messie aus seiner Untätigkeit. Er schmeißt wie besessen weg, um das erbärmlich Alternde aus seinem Wahrnehmungsspektrum schnellstmöglich zu entfernen. Seine intakte Welt soll ja keinen Riss bekommen.

Die Welt ist bereits so perfekt, dass scheinbar jeder Brotkrümel dem strengen Qualitätsanspruch gerecht werden muss. Vielleicht würde dem Verbraucher von heute mehr Unvollkommenheit gut tun. Und möglicherweise sollte er im Bezug auf die Lebensmittel seine Vorliebe für Antiästhetik wiederentdecken.

5. Lebensmittel sind ein schlechtes Statussymbol

Der Wunsch nach Akzeptanz in der Gesellschaft bewegt den Menschen dazu, seinen eigenen Wert durch materielle Dingen zu definieren. So hat er einen greifbaren und sofort sichtbaren Grund, von anderen geliebt zu werden.

Mit einem Butterbrot lässt sich jedoch beim besten Willen niemand beeindrucken. Somit kann Sammeln beziehungsweise sinnvolles Verwerten von Lebensmitteln das menschliche Streben nach Macht und Prestige nicht befriedigen. Bis auf die relativ kleine Zielgruppe der kulinarisch Begabten, die mit ihren Fähigkeiten anspruchsvolle Rezepte ausprobieren und damit ihre Umgebung ins Staunen versetzen können, hocken die Anderen im besten Fall auf dem Niveau der Hausmannskost. So können sie sich von der Masse leider nicht abheben.

Alles Käse

Selbst mit einem guten Käse ist heute kaum noch jemand zu beeindrucken

Der menschlichen Eitelkeit kann heutzutage ein schmackhafter Snack nicht helfen. Das Engagement für eine gerechtere Ressourcenverteilung schon. Und dazu gehört auch die Reduktion der Lebensmittelabfälle.

6. Lebensmittel sind kein Geheimnis mehr

Ja, Essen verursacht keinen Nervenkitzel. Ein Frühstück ist meistens alles andere als spannend. Nur in das, was reizend, geheimnisvoll und unergründet ist, kann sich der Enthusiast von heute noch verlieben. Lebensmittel sind langweilig geworden. Es gibt für den Durchschnittsmenschen keinen Grund, sich mit Ernährung richtig zu befassen, drängt sich zwangsläufig der logische Rückschluss auf. Deshalb finden auch viele Mahlzeiten nebenbei statt und dieser Trend scheint unumkehrbar.

Bleibt dann die Frage, ob es wirklich immer um diesen Fress-Hedonismus gehen muss? Ob es nicht sinnvoll wäre, die Nahrungsaufnahme wie einen Willensakt zu gestalten? Wie eine verantwortungsvolle Aufgabe. Eine Entwicklung, die die moderne Gesellschaft zwar als eine scheinbar unbedeutende, aber essenzielle Errungenschaft des emanzipierten Humanismus betrachten kann.

Essen kann wieder zum bewussten Ereignis werden

Die Abenteuerlustigen haben trotzdem genügend Möglichkeiten, das Essen zu einem Erlebnis zu machen. Dinner in the dark oder bei voller Beleuchtung im Adamskostüm wie es seit Kurzem in Paris im ersten Nudisten-Restaurant Frankreichs der Fall ist. Die neuen Trends schießen wie Pilze aus dem Boden und dem Einfallsreichtum sind keine Grenzen gesetzt: molekulare Küche, Fusionsküche in allen Varianten, Kochkurse für leckere Rezepte aus Insekten etc.

Zusammen Essen

Gemeinsames Essen hilft dem Essen mehr Wert zu verleihen

So können Lebensmittel im Auge des Betrachters ihren wahren Wert wiedererlangen. Ist sich der gemeine Genießer dieses Wertes bewusst, wird er automatisch achtsamer mit der Ressource Lebensmittel umgehen. Die möglichen Folgen erscheinen einem heute noch wie ein Traum: Millionen  Tonnen von Lebensmittel, die auf dem Tisch landen, anstatt auf dem Kompost oder in der Biogasanlage. Weniger Ressourcen, die für den Transport von weniger Lebensmittel benötigt würden. Und am Anfang der Kette müsste weniger angebaut werden, da am Ende weniger verschwendet wird. Noch ist das ein Traum. Doch er ist zum Greifen nah. Wenn wir es wollen.

Lies hier weiter ► wie Alex im Teufelskreis der Konsumierens gefangen war.

Gastautor Mariusz Turkiewicz hat einen B.Sc. Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften, ist leidenschaftlicher Koch und Lebensmittelretter.


Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *