Lebensmittel wegwerfen – Eine heilbare Krankheit des Wohlstands?

Lebensmittel wegwerfen – Eine heilbare Krankheit des Wohlstands?

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Ich möchte dir die Geschichte von Alex erzählen, der gerne nachhaltig leben würde und dennoch viele Lebensmittel wegwirft. Alex ist 31 Jahre alt, Single und hat einen sicheren Job als Abteilungsleiter einer großen Versicherungsgesellschaft. Alex ist ein eindeutiger Vertreter einer Spezies, die seit etwas mehr als 100 Jahren unseren Planeten bevölkert und deren Gruppen weltweit zunehmen. Er gehört zur nicht mehr ganz seltenen Spezies des Homo Oeconomicus.

Alex will weniger Lebensmittel wegwerfen

Sorgenvoll blickt Alex in die Zukunft. Wird es ihm gelingen weniger Lebensmittel wegzuwerfen?

Alex im Teufelskreis des Überflusses

Alex, unser Homo Oeconomicus, lebt heute auf großem Fuß. Er ist großzügig, um nicht zu sagen: verschwenderisch. Er kann sich das, zumindest in weiten Teilen Europas und der USA, leisten. Und irgendwie muss er mit dem Überfluss, der ihn täglich umgibt, fertig werden. Aber er ist nicht rücksichtslos. Er bedauert Hungernde in Afrika, unterstützt sie tatkräftig mit gelegentlichen Spenden und empört sich leidenschaftlich über die Wegwerfgesellschaft.

Noch zitternd vor Wut geht Alex dann im Anschluss in einen prall gefüllten Supermarkt und tappt in die zahlreichen Marketingfallen der Lebensmittelindustrie. Mit Begeisterung greift er kurz vor dem Ladenschluss in die überfüllten Kisten voller perfekt aussehender Äpfel, Trauben, Auberginen und Tomaten, die nur für ihn angebaut wurden. Im Vorbeilaufen steckt er noch ein paar rote Bananen ein, schnappt sich ein paar Litschis und den 36-Monate gereifenten Käse mit fast unaussprechlichem Namen. Er hat noch keine Idee, wie er das alles verarbeiten kann, aber er ist begeisterungsfähig und experimentierfreudig. Ihm wird schon etwas einfallen.

Jetzt muss Alex nur noch nach Hause gehen, alles in den Kühlschrank legen und warten, bis es im Alltagstrubel vergammelt. Dann hat er wieder einen Grund, Hungernde in Afrika zu bedauern und seine Empörung über die Wegwerfgesellschaft laut zum Ausdruck zu bringen …

Wegschmeißen wird weltweit zum Trend

Nicht nur Alex ist in dem kontinuierlichen Zyklus aus Anschaffen-Verrotten lassen-Wegwerfen wie gefangen. Mittlerweile gibt es sogar einen Begriff für das gezielte Wegwerfen von Dingen. In den USA hat es sich in den 80er Jahren als Überschrift durchgesetzt für ein Handeln, auf das ein erfolgreicher Mensch seinen Freunden, Nachbarn, Kollegen und der Familie gegenüber stolz sein kann. Es nennt sich: Space Clearing. Auf deutsch: Ausmisten. Es beschreibt das radikale Wegschmeißen ohne Trennungsängste, um neue Freiräume im Leben zu gewinnen – das scheint das neue Allheilmittel gegen den Weltschmerz des modernen Wohlstandsbesitzers.

Lebensmittel wegwerfen ist auf Dauer keine Lösung

Space Clearing auf Kosten der Umwelt, der Ressourcen und zur Steigerung des Konsums

Besitzen, um zu verschwenden – ein Fortschritt, der keiner ist

Die Vertreter der Generationen des Wirtschaftswunders, die in den 60er- und 70er-Jahren auf dem Höhepunkt ihrer Lebensleistung waren, verstanden unter Luxus noch den Besitz. Der Homo Oeconomicus von heute ist bereits einen Schritt weiter. Er befasst sich heute mit dem befreienden Ausmisten überflüssiger Dinge. Es klingt nach Fortschritt, hat damit aber nichts zu tun. Der Mensch muss heutzutage besitzen, um sich von seinem Besitztum feierlich trennen zu können. Er behandelt Symptome und denkt, er sei geheilt. Ein Grund zur Bewunderung?

Nicht beim Essen. Die Lebensmittelverschwendung erreicht ihr größtes Ausmaß in Privathaushalten: 61% aller verschwendeten Nahrungsmittel werden zu Hause entsorgt. Jedes Jahr landen in Deutschland circa 11 Millionen Tonnen davon im Müll. Das sind etwa 81 kg pro Person.

Befreiend?

Eher weniger.

Warum fällt es Menschen so leicht, Lebensmittel verderben zu lassen oder noch Genießbares wegzuwerfen? Wegen der rücksichtslosen Politik der Lebensmittelindustrie? Bestimmt. Doch das Wegwerfen beginnt im Kopf.

Die Lust am Einkaufen überstimmt moralische Bedenken

Zugegeben, auf vieles hat der Durchschnittskonsument gar keinen Einfluss. Da ist zum Beispiel die mangelnde Transparenz bei der Lebensmittelkennzeichnung, die bei Vielen unter anderem eine Verwechslung  des Verbrauchs- und Mindesthaltbarkeitsdatums zur Folge hat. Oder die erbarmungslos umsatzorientierten Marketingstrategien, die bessere Geschäfte versprechen, wenn die Verkaufsregale stets überfüllt sind. Schließlich fehlende rechtliche Rahmenbedingungen, die eine sinnvolle Verwertung überschüssiger Nahrungsmittel erzwingen könnten, wie es in Frankreich dank einem entsprechenden Gesetz aus dem Jahr 2015 der Fall ist.

Und trotzdem löst Lebensmittelverschwendung keinen flächendeckenden Skandal aus. Eher im Gegenteil: Der Status quo wird erfolgreich verdrängt oder stillschweigend hingenommen. Ab und zu geraten zwar ein paar kritische Stimmen an die Oberfläche, aber ein Potenzial für eine Revolution hat die Haltung der meisten Deutschen noch längst nicht. Vielleicht hindert sie daran die bittere Erkenntnis, dass sie dabei nicht ganz unschuldig sind.

Lebensmittel nicht mehr wegwerfen

Lebensmittel waren viel zu lange viel zu billig. Deswegen haben sie in unseren Augen keinen Wert mehr.

Warum werfen wir Lebensmittel eigentlich weg?

Bei einer Studie der Universität Stuttgart aus dem Jahr 2012 wurden als häufigste Gründe für die Entsorgung von Lebensmitteln im eigenen Haushalt folgende Aussagen genannt:

  • zu viel gekocht
  • bereits schlechtes Produkt gekauft
  • keine Lust
  • falsche Lagerung
  • Mindesthaltbarkeitsdatum

Diese Ursachen haben mit der Unwissenheit oder Ratlosigkeit gegenüber der – laut Sicht ihrer Kritiker – ihre Krallen ausstreckenden Wirtschaft nur bedingt zu tun.

Es wird Zeit, das eigene Konsumverhalten auf den Prüfstand zu stellen. Eine Übung, die erkenntnisreicher sein kann, als vermutet.

Gastbeitrag von Ernährungsspezialist und leidenschaftlichem Koch Mariusz Turkiewicz.

 

Lies hier weiter ► Warum Lebensmittelverschwendung heute ein so großes Problem ist und was du dagegen tun kannst.


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